Die Stadt als Beute
Handelskammer Hamburg greift nach der Macht:
Die Stadt als Beute
Zugriff auf Politik und Politiker
So "sollten sich Hamburger Unternehmen stärker in politische Entscheidungsprozesse einbringen". Dazu soll der "Anteil der Unternehmer mit politischem Mandat erhöht" und die "Anzahl der Kaufleute unter den Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft" vergrößert werden. Das Ziel: "Handelskammer und Verbände bringen sich noch stärker in Gesetzesvorhaben ein." Zur systematischen Ausrichtung der Politik auf die Ziele der Wirtschaftslobby sollen auf einer Veranstaltung mit dem Namen Hamburg Economic Forum regelmäßig "führende Entscheider der Hansestadt und der Metropolregion zusammenkommen". Dies "bietet Unternehmen und Unternehmern damit die Möglichkeit einer direkten Beteiligung am politischen Willensbildungsprozess". Der "lebendige Austausch zwischen Politik und Wirtschaft ... schafft Verständnis auf beiden Seiten und sichert Konsens bei zentralen politischen Fragestellungen". Das Ziel: "Wirtschaft und Politik verfolgen gemeinsam klare und langfristige Ziele". Zugriff auf Wissenschaft und Forschung
Auch Wissenschaft und Forschung sollen nach den Plänen der Hamburger Wirtschaftslobby verstärkt dem Profitinteresse der Unternehmen unterworfen werden. Gefordert wird, "Forschungs- und Wirtschaftsförderung zu koordinieren" und "verstärkt Anreize zur Kooperation Wirtschaft/Wissenschaft zu setzen". Bei der Lenkung der Forschungsinhalte, zum Beispiel über Drittmittel, soll die "Mittelvergabe an Zielen orientiert" werden. Dazu soll die "mentale Einheit von Wissenschaftlern und Kaufleuten hergestellt" werden. Ziel ist ein maximaler Technologietransfer, das heißt, die Bereitstellung technologischen Wissens zugunsten der Unternehmen. Vorbild ist die Technische Universität München (TUM), - gerühmt als "Die unternehmerische Universität". "Die TUM sieht sich als Basis der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Sie strebt an, Studenten für die Bedürfnisse der Wirtschaft auszubilden. Dafür passt sie die Studieninhalte fortlaufend an neue Erfordernisse an". Um die unternehmensorientierte Ausrichtung Hamburger Hochschulen zu befördern, schlägt die Handelskammer vor, den "Hochschulen (wirtschaftliche) Handlungsfreiheit einzuräumen", an ihnen eine "betriebswirtschaftliche Leitung zu installieren" und entsprechend eine "Anpassung der Hochschulgesetze" vorzunehmen. Darüber hinaus sollen "drei Fraunhofer-Institute und zusätzliche Forschungszentren", die anwendungsorientierte Forschung zum unmittelbaren Nutzen für Unternehmen bereitstellen, aus öffentliche Mitteln eingerichtet werden. Hamburg soll dann "bestehende Forschungseinrichtungen und Gewerbeflächen verknüpfen und die Stadt so mit einem Netz von Technologieparks überziehen." Ziel ist ein "Technologietransfer vom Fließband". Zugriff auf den öffentlichen Raum
Die von der Handelskammer Hamburg seit Jahren vorangetriebene Teilprivatisierung und "Reinigung" des öffentlichen Raums von natürlicher Vegetation und unerwünschten Personen durch Kampagnen wie "Hamburg macht Grün" und Business Improvement Districts (BID) soll nach den Vorstellungen der Wirtschaftslobby noch erheblich verstärkt werden. Ein BID ist ein Bereich, in dem die Kommune ihrer am Gemeinwohl ausgerichteten Daseinsvorsorge im öffentlichen Raum nicht mehr nachkommt, sondern diesen Bereich Grundeigentümern an Hand gibt, die ihn zum eigenen Vorteil nach ihren privaten Interessen gestalten und mit sonst öffentlichen Stellen vorbehaltenen Vollmachten kontrollieren können. Auf Betreiben der Handelskammer gibt es in Hamburg bereits acht BIDs, so dass "Hamburg die BID-Hochburg in Deutschland" ist, wie die Agenda 2030 stolz berichtet. Nach den nun vorgestellten Plänen der Handelskammer "sollte der BID-Gedanke auf Gewerbegebiete und Technologieparks ausgeweitet werden." Ein Großteil des öffentlichen Raums in Hamburg wäre dann bald mit einem Netz von profitorientierten Business Improvement Parks (BIP) überzogen, in denen Gesichtspunkte des Gemeinwohls und des Naturschutzes keine nennenswerte Rolle mehr spielen würden. Zugriff auf städtische Flächen
Angetrieben durch die Handelskammer Hamburg und unter dem Schlagwort "Wachsende Stadt" hat in den vergangenen neun Jahren unter CDU-Regie die Bebauung und Versiegelung von Grün- und Freiflächen in Hamburg ein nie da gewesenes Ausmaß erreicht. Nach der gerade vorgelegten Agenda 2030 der Wirtschaftslobby soll der Flächenverbrauch nun noch einmal drastisch gesteigert werden. Die Vergabe von Gewerbeflächen pro Jahr soll von jetzt 25 Hektar auf 75 Hektar im Jahr 2030 verdreifacht werden. Auch für den Wohnungsbau ist ein jährlicher Flächenverbrauch von 75 Hektar geplant, - insgesamt also 1.500 Hektar, davon 1.000 Hektar in 21 neuen Wohngebieten. Dass es sich dabei überwiegend nicht um Wohnraum für Menschen mit normalem und geringen Einkommen handelt, ergibt sich aus der Zielvorstellung der Handelskammer für das Jahre 2030: "... die Wohneigentumsquote liegt bei über 50 Prozent" ( - derzeit beträgt die Wohneigentumsquote nur etwa 22 Prozent!). Demnach zielt der Wohnungsneubau vornehmlich auf Menschen mit höherem Einkommen, - die weitere Gentrifizierung Hamburgs ist bereits eingeplant, einkommensschwächere Einwohner werden aus der Stadt verdrängt. Ablehnung des mündigen Bürgers
Während die Hamburger Wirtschaftslobby, die Handelskammer, ihr profitorientiertes Partikularinteresse als "Gemeinwohl" darzustellen versucht, steht der mündige Bürger, der die Werbesprüche der Lobby und ihrer Politiker durchschaut, bei der Handelskammer unter Generalverdacht. Direkte Demokratie ist für die Handelskammer "ineffizient und handlungsunfähig, weil Entscheidungsprozesse zu lange dauern und mit den hohen Kosten eines Volksentscheides einhergehen." Dass Bürgerinitiativen sich für das Gemeinwohl einsetzen, kommt in der Agenda 2030 der Wirtschaftslobby nicht vor. Das mit ihren Zielen nicht konforme Bürgerengagement wird durchwegs als "Partikularinteresse", als "gesellschaftlicher Egoismus" und als "zunehmende Individualisierung" abgewertet. Auch wird in Frage gestellt, dass "Bürger angesichts von Informationsdefiziten die Folgen von Entscheidungen und Maßnahmen im Einzelnen immer ausreichend beurteilen können" (- als wenn Politiker dies besser könnten). Im sogenannten "Nullszenario", das dem "Wunschszenario" im Handelskammer-Papier gegenübergestellt ist, wird ein veritables Schreckensbild zur Verteufelung der Bürgerpartizipation entworfen: "Gewinnen Partikularinteressen die Oberhand, droht eine 'institutionelle Sklerose', die langfristig zum wirtschaftlichen Niedergang führt." In der schönen neuen Welt der Handelskammer herrscht "gesellschaftsübergreifender Schulterschlusses". Und "die Hamburgische Bürgerschaft ist sich bei zentralen Themen einig". Dass die offene Austragung gegensätzlicher Auffassungen konstitutiver Bestandteil einer lebendigen Demokratie ist, passt nicht in das Weltbild der Wirtschaftslobby. Und sie hat auch schon ein Rezept gegen Bürgerbegehren, die sich gegen die restlose Privatisierung und Zerstörung öffentlicher Güter in Hamburg zur Wehr setzen: das Konstruktive Bürgerbegehren. Wie auf Seite 106 des Handelskammer-Papiers nachzulesen, sind nicht die Bürger, sondern "Politik, Wirtschaft und Handelskammer" für solche wirtschaftsorientierten "Bürger"begehren verantwortlich. Schwächung der Hamburgischen Verwaltung
Ein weiterer Gegner, über den die Handelskammer in ihrem "Zukunfts-Wunschbild" wenig Gutes zu berichten weiß, ist die Hamburgische Verwaltung. Die Notwendigkeit der staatlichen Kontrolle durch Verordnungen und Genehmigungsverfahren wird als "Bürokratiebelastung" beklagt, die es zu "senken" gelte. Eine Beschleunigung der Genehmigungsprozesse soll paradoxerweise durch "Verschlankung" der Verwaltung, durch "Reduktion des Personalbestands" erreicht werden. Was damit wirklich gemeint ist, ergibt sich aus einer weiteren Forderung: "Genehmigungen werden automatisch erteilt – soweit nicht in festgelegter Frist widersprochen wird." Besonders im Umweltbereich will die Handelskammer staatliche Kontrollen reduzieren und auf "freiwillige Selbstverpflichtung statt Regulierung setzen". Insgesamt möchte die Wirtschaftslobby statt staatlicher Verwaltung "mehr Selbstverwaltung durchsetzen" und die "Anzahl der den Kammern übertragenen hoheitlichen Aufgaben" erhöhen. Auch hier ist das Bestreben der Wirtschaftslobby erkennbar, sich weitestgehend einer gesellschaftlichen Kontrolle zu entziehen und ihre Machtposition auf Kosten der demokratisch legitimierten Instanzen auszubauen. Zugriff auf öffentliche Daten
Auch staatlich erhobene Daten über die Einwohner, Einrichtungen und Vorgänge in Hamburg will sich die Wirtschaftlobby zur profitorientierten Nutzung sichern. Dazu heißt es in der Agenda 2030 der Handelskammer unter anderem: "Private Internetsuchmaschinen und soziale Netzwerke sammeln vielfältige Daten über Orte, Nutzer und viele weitere Informationen, um künftig de facto als monopolistischer Anbieter diese Daten kommerziell zu verwerten. ... Daten mit Hamburg-Bezug erhebt die Stadt bereits heute regelmäßig. ... Sie könnte diese in eigener Regie ... zur Schaffung eines effizienten und wettbewerbsintensiven Marktes allen interessierten Unternehmen zugänglich machen ('Hamburg Open Data')." Unbeantwortet bleibt die Frage, inwieweit das begehrte, staatlich erhobene Datenmaterial über Hamburger Bürger und ihre Aktivitäten möglicherweise auch für andere, etwa politische Zwecke missbraucht werden könnte. FAZIT
Die Hamburger Wirtschaftslobby in Gestalt der Handelskammer hat mit der programmatischen Schrift Hamburg 2030 ein Handlungskonzept für die nächsten zwanzig Jahre vorgelegt, in dem sie einen umfassenden Zugriff der Hamburger Wirtschaft auf politische Entscheidungen, öffentliche Ressourcen und das gesellschaftliche Leben in Hamburg plant. Das Handlungskonzept erklärt und begründet das Bestreben des Präses der Handelskammer, Frank Horch, ein zentrales politisches Amt in Hamburg zu übernehmen. Der gehorchte Scholz
Es ist davon auszugehen, dass der Spitzenkandidat der SPD, Olaf Scholz, die Pläne seines Verbündeten Horch seit Monaten kennt und gutheißt. So hat Scholz seit November 2010 damit begonnen, die Politik der Hamburger SPD an Vorgaben der Handelskammer und ihres Präses auszurichten: Die Rechnung nach der Wahl
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